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Sign of the Times

 


 

TAO TE CHING III

TAO TE CHING
von Laotse - Teil I, 28 - 54

55 - Das Kind˜Vorbild der Selbstordnung des Lebens
466. Wer aus seines Ursprungs Fülle lebt,
der gleicht dem neugeborenen Kinde.
467. Giftige Nattern beißen es nicht,
wildes Getier zerreisst es nicht,
Raubvogel-Fänge erstoßen es nicht.
468. Weich sind noch seine Knochen
und die Muskeln zart, doch schon fest ist sein Griff.
469. Es ist sich der Geschlechter noch nicht bewusst
und hat doch Geschlecht,
und seines Geschlechtes Keimkräfte ruhen in ihm.
470. Es kann den ganzen Tag schreien
und wird doch nicht heiser: Vollendeter Einklang!
471. Die zum Einklang drängende Kraft des Lebens
erkennen, heißt: Seyn Unvergängliches finden;
dieses finden, heißt: erleuchtet sein.
472. Sich so von der Ganzheit des Lebens durchdringen lassen,
das gibt Segen.
473. Eigenwillig aber seines Lebens Kräfte
zur Erhöhung des Genußes zu verwenden,
scheint zwar von Stärke zu zeugen; ist aber Täuschung.
474. Alles eigenwillige Handeln ist widersinnig.
475. Was nicht echt ist, das zerfällt.


56 - Die stillordnende Kraft des Weisen
476. Wer erkennt, schweigt.
Wer schwätzt, erkennt nicht.
477. Der Weyse schweigt. Er kehrt sich nach innen.
478. Er mildert das Scharfe, klärt das Wirre, dämpft das Grelle,
macht sich eins mit dem Unscheinbaren.
479. So wird er des Letzten inne und findet das große Einssein.
480. Er hält sich frei von Zuneigung und Abneigung,
fragt nicht nach Gewinn oder Verlust,
steht über der Ehre und der Schande.
481. Darum ist ihm wirklich Adel eigen.


57 - Nichtwirkenwollen Grundgesetz jeder Staatsführung
482. Durch Unbestechlichkeit fördert man des Landes Verwaltung,
483. mit Klugheit führt man ein Heer,
484. mit Nichtwollen aber gewinnt man ein Reich.
485. Woher weiß ich, daß es so ist? Es ergibt sich von selbst.
486. Ein Volk wird arm, in dem Verbote Worte und Handlungen bestimmen.
487. Jede Ordnung löst sich auf,
wenn die Menschen nur ihr eigenes Wohlergehen suchen.
488. Umsturz bereitet sich vor,
wenn die Menschen berechnend und absonderlich werden.
489. Diebe und Räuber wird es geben,
wenn man mit Gesetzen und Befehlen
glaubt Ordnung schaffen zu müßen.
Daher sagt der Weyse:
490. Ich wirke nicht, so entfaltet sich das Leben
in der Gemeinschaft von selbst.
491. Ich bleibe in der Stille, so wird das Volk von selber recht.
Ich greife nicht in die Wirt-schaft ein,
so blüht das Volk von selber auf.
492. Ich bin ohne Begehr, so wird das Volk von selbst gesunden.


58 - Das Geheimnis gegensätzlichen Werdens
493. Eine Verwaltung, die man nicht merkt, macht das Volk froh.
494. Eine Verwaltung, die alles bestimmen will,
macht das Volk schlecht.
495. Glück ruht auf Leid. Leid harrt im Glück.
Wer weiß, was eintreffen wird?
496. Ordnung führt zu Unordnung.
Gutes verkehrt sich in Schlechtes.
497. Der Mensch erkennt in seiner Verblendung
nicht den Wechsel aller Dinge.
498. Der Weyse ist:
rechtwinklig von Art ˜ doch stösst nicht an,
unantastbar ˜ doch nicht unnahbar,
offen und gerade ˜ doch nicht verietzend,
leuchtend ˜ doch nicht blendend.


59 - Staatssicherung durch geordnetes Planen
499. Wer die Menschen im Einklang mit den Ordnungen des Alls führt,
der weiß um die Notwendigkeit fürsorglichen Mühens.
500. Weitsichtige Fürsorge zwingt zu kluger Planung.
501. Kluge Planung stärkt die selbstwirkenden Kräfte.
502. Wer diese Kräfte vermehrt, ist jeder Lage gewachsen.
503. Wer jeder Lage gewachsen ist,
kann in seinen Wirkungsmöglichkeiten nicht erfaßt werden.
504. Wer mehr Kräfte besitzt, als er zeigt,
der kann ein Reich führen.
505. Wer so sein Reich nach den großen Ordnungen führt,
wird nicht versagen:
506. Er gründet tief und ist festgefügt,
er handelt, das Wesentliche schauend,
im Sinn des Unergründlichen.


60 - Sorgfalt und Lebensgehorsam in der Staatsführung
507. So sorgfältig wie man kleine Fische brät,
muß man ein großes Reich regieren.
508. Wenn ein Reich
im Geist des Unergründlichen regiert wird,
dann spuken keine finsteren Gewalten.
509. Nicht nur spuken keine finsteren Gewalten,
es geistern auch keine Unsichtbaren.
510. Nicht daß beide nicht mehr vorhanden wären,
sondern sie können nicht mehr störend wirksam werden ˜
so wenig, wie je ein Weyser störend wirksam seinn kann.
511. Wenn die finsteren Gewalten und die unsichtbaren Geister
nicht mehr wirksam werden können,
dann können sich die besten Kräfte im Menschen entfalten.


61 - Gegenseitige Hilfsbereitschaft der Staaten
512. Ein großes Reich soll wie ein tiefes Talbecken seinn
(in das die Flüße strömen):
Heimat der Völker, Mutter der kleinen Länder.
513. So wie im Menschenleben
das Weibliche immer das Männliche
durch seine Empfänglichkeit
und sein Sichfügen bändigt,
514. bändigt im Staatsleben immer der Staat den andern,
der für den andern empfänglich ist.
515. Empfänglichkeit ist immer überlegensein,
gleichgültig, ob der Staat groß oder klein ist.
516. Wenn der große Staat nichts will,
als nur alles zu einen und zu fördern,
517. und der kleine Staat, ebenso alles fördern wollend,
auch nur das Gesamtwohl sieht,
518. so gewinnen in dieser ständigen Bereitschaft füreinander beide Mächte.
519. Wahre Größe offenbart sich immer und überall
nur in tiefer Empfänglichkeit und gütiger Hilfe.


62 - Wiedereinfügung der aus der Gemeinschaft Gelösten
520. Das Unergründliche ist die Heimat aller Wesen,
es ist der Hort der Guten
und der Zufluchtsort der Nichtguten.
521. Man mag fromme und schöne Worte gebrauchen,
doch nur edle Taten helfen dem Menschen
zu seiner Vollendung.
522. Ist es aber edel, einen «schlechten» Menschen zu verwerfen?
523. Wozu wurde der Herrscher
mit seinen Staatsmännern eingesetzt?
524. Des Kaisers Würde und der Staatsmänner Pracht
kommen nicht der beharrlichen Mühe gleich,
den Geist des Unergründiichen zu verwirklichen.
525. Warum hielten denn die Alten
so verehrend am Unergründlichen fest?
526. Ist es nicht, weil jeder, der nach ihm strebt,
das Unvergängliche findet;
527. ist es nicht, weil jedem Irrenden
Heilung und Heyl werden soll?
528. Darum ist das Unergründiiche des Lebens höchstes Gut.


63 - Aufgabenmeisterung durch rechtzeitiges Erkennen der Schwieriigkeiten
529. Wirkt durch Nichtwirken! Handelt durch Nichthandeln!
530. Findet Geschmack an dem, was keinen Genuß birgt!
531. Sehet das Große im Kleinen, das Viele im Wenigen!
532. Begegnet dem Haß mit der innerlichsten Kraft eurer Herzen!
533. Erkennet das Schwierige, ehe es schwierig ist!
534. Laßt Großes werden, indem ihr das Kleine achtet!
535. Alles Schwierige auf Erden beginnt einfach,
alles Große beginnt klein.
536. So kümmert sich auch der Weyse nicht um sein Heyl,
darum findet er es.
537. Wer leichtfertig verspricht, ist nicht glaubwürdig.
538. Wer leichtfertig handelt, dem erwachsen Schwierigkeiten.
539. Der Weyse erkennt rechtzeitig die Schwierigkeiten,
darum vermeg er alles zu meistern.


64 - Lebensmeisterung durch Beachten der Lebensgesetze
540. Was noch verharrt, kann leicht festgehalten werden.
541. Was noch nichts gilt, kann leicht beeinflusst werden.
542. Was noch schwach ist, kann leicht gebrochen werden.
543. Was noch federleicht ist, kann leicht verweht werden.
544. Bevor etwas wird, muß man auf es wirken.
545. Bevor etwas verwirrt ist, muß man es ordnen.
546. Jeder Riese unter den Bäumen
hatte einmal ein einziges Wurzelhaar.
547. Auch ein neunstöckiger Bau erstand auf einer Scholle.
548. Eine Reise von tausend Meilen
beginnt mit einem ersten Schritt.
549. Wer etwas (wider die Gesetze des Lebens) erreichen will,
der muß scheitern.
550. Wer etwas mit Gewalt gewinnen will, der muß es verlieren.
551. Daher ist der Weyse nicht eigenwillig,
und daher scheitert er auch nicht.
552. Er reisst nichts an sich, daher verliert er nichts.
553. Die andern scheitern oft kurz vor dem Ziel,
weil sie nicht auf die rechte Stunde warten können.
554. Würden sie Anfang und Ende bedenken,
würde es ihnen auch gelingen.
555. Darum erstrebt der Weyse die Wunschlosigkeit;
er erstrebt nichts, was andern erstrebenswert erscheint.
556. Ihm bedeutet Verstandeswissen nichts.
557. Was nicht beachtet wird, beachtet er.
558. So erwirkt er des Lebens Ordnung in sich
und andern und stört niemals die Entwicklung aus sich selbst.


65 - Der Segen der Herzensbildung und die Gefährlichkeit der Scheinbildung
559. Die Alten, im Unergründlichen wurzelnd,
(wußten um das Wesen der echten Bildung,
darum) gaben (sie) dem Volke Herzens-
und nicht Verstandesbildung.
560. Für eine Staatsführung gibt es nichts Gefährlicheres
als ein aufgeklärt erscheinendes Volk.
561. Einen Staat mit aufgeklärten Massen lenken zu wollen,
führt zu Unheil.
562. Segen wird nur, wo man auf Scheinwissen verzichtet.
563. Wer dies beachtet, handelt vorbildlich.
564. Solch vorbildliches Wirken
läßt einen stets auf dem rechten Wege sein.
565. Denn es weiß um die geheimnisvolle Macht
aller selbstwirkenden Kräfte,
die den Massen immer fremd bleiben.
566. Der Gehorsam aber gegenüber den selbstwirkenden Kräften
bewirkt der Welt Ordnung.


66 - Nichtwollen, Voraussetzung wahren Herrschertums
567. Ströme und Seen beherrschen die Täler,
weil sie deren Grund einnehmen.
568. Aus dem Urgrund zu wirken,
ist Voraussetzung jeglichen Herrschertums.
569. Darum wird der weise Herrscher,
wenn er wirklich über dem Volk stehen will,
sich in seinen Worten bescheiden beugen,
wenn er führen will, sein Ich verleugnen.
570. So herrscht er wahrhaft, und das Volk wird nicht bedrückt;
er herrscht, ohne daß das Volk sich beeinträchtigt fühlt.
571. Alles folgt ihm gern und erhöht ihn;
jeder fühlt sich geborgen und frei.
572. Nichts wollend,
will auch niemand auf der Welt etwas von ihm.


67 - Die Wirksamkeit der sittlichen Grundwerte für die Gemeinschaft
573. Die Menschen sagen, ich sei groß ˜
als ob ich etwas Besonderes wäre!
574. Nur der ist groß, dem seine Größe nichts bedeutet.
575. Wer vor andern groß Seyn will, ist sicher klein.
576. Drei Werte habe ich, die mir heilig sind:
der erste heißt: Güte,
der zweite: Genügsamkeit,
der dritte: Bescheidenheit.
577. Güte gibt Kraft,
Genügsamkeit gibt der Enge Weite,
Bescheidenheit läßt einen zum Gefäß werden
für das Wirken der ewigen Kräfte.
578. Heute ist es meist so:
Man kennt keine Güte mehr
und glaubt dennoch Kraft haben zu können.
Man besitzt keine Genügsamkeit mehr,
sondern kennt nur Ansprüche.
Man kann nicht mehr bescheiden zurücktreten,
sondern giert nach Erfolg.
Das aber führt zum Zerfall.
579. Wer wahrhaft gütig ist,
siegt im Kampf und ist unüberwindlich,
wenn der Feind drängt;
ihn segnet der Himmel auch durch Güte.


68 - Herzgewirktes Tun wirkt Frieden
580. Ein wirklicher Fachmann überzeugt, aber streitet nicht.
581. Ein guter Soldat kämpft, aber wütet nicht.
582. Ein wahrer Sieger ist überlegen, aber reizt nicht.
583. Ein rechter Menschenführer
stellt die Menschen auf den richtigen Platz,
aber beherrscht sie nicht.
584. Solch herzgewirktes Tun wirkt Frieden.
585. Es enthält die hohe Kunst der Menschenführung.
586. Es ist ein Wirken im Sinn des Himmels.
587. Solches Tun gilt seit Vorzeiten als höchstes.


69 - Siege durch kluges Sichbescheiden
588. Wer seinen Gegner gewinnen will,
der spiele in Feindesland nicht den Hausherrn,
sondern betrage sich wie ein Gast.
589. Er weiche lieber einen Fuß zurück,
als daß er einen Zoll vorrücke.
590. So kommt er voran, ohne zu marschieren.
591. So kann er zurückweisen, ohne zu drohen.
592. So kann er vordringen, ohne zu kämpfen.
593. So kann er Besitz ergreifen, ohne die Waffen zu gebrauchen.
594. Es gibt kein größeres übel, als den Feind zu unterschätzen.
595. Wer den Feind leicht nimmt, verliert seine Schätze.
596. Sind die Heere gleich stark, siegt der besonnenere Feldherr.


70 - Geringe Zahl der Berufenen
597. Das Wahre ist einfach zu verstehen und leicht zu befolgen,
und doch hört es keiner und befolgt es niemand.
598. Wort und Werk wollen aus dem Urgrund aufsteigen.
599. Wer dies nicht erkennt,
erkennt auch das Unergründliche in meiner Lehre nicht.
600. Immer verstehen nur wenige das Tiefste,
darin liegt auch meine Würde.
601. Der Weyse trägt nach außen ein unscheinbares Gewand,
doch birgt er in seinem Inneren edelsten Schmuck.


71 - Freiheit vom Bildungswahn
602. Wer um sein Nichtwissen weiß,
aus dem leuchtet der Adel des Geistes;
wer darum nicht weiß, ist in Wahn verstrickt.
603. Nicht verfällt der dem Wahn, der den Wahn als solchen erkennt.
604. Der Weyse ist frei von allem Wahn.
605. seinen Wahn als Wahn erkannt habend, ist er ohne Wahn.


72 - Die Wechselwirkung alles Geschehens
606. Wenn die Menschen das Grauen nicht fürchten,
überfällt sie das Grauen.
607. Aber man trage das Grauen nicht in ihre Heimstatt
und mache ihnen das Leben nicht verdrießlich.
608. Nie werden sie verdrießlich,
wenn man ihnen das Leben nicht vergällt.
609. Obwohl der Weyse seinen Wert kennt,
trägt er ihn nicht zur Schau.
610. Obwohl er um seine Würde weiß, beansprucht er keine Ehre.
611. Er weiß zwar um seine Möglichkeiten,
bleibt aber in seinen Grenzen.


73 - Höchste Sittlichkeit Wegweiser bei jedem Zweifel
612. Wer mutig wagt, der wagt auch zu töten.
613. Wer mutig genug ist,
(in den Augen der andern) feig zu gelten,
der wagt auch ein Leben zu erhalten.
614. Töten und lebenlassen ˜
beides ist manchmal gut, manchmal schlecht.
615. Wer wagt zu wissen,
welches Urteil von den ewigen Mächten anerkannt wird?
616. Der Weyse weiß es nicht.
(Im Zweifel erinnert er sich
des Wirkens des Unergründlichen.)
617. Das Unergründliche aber offenbart sich immer so:
618. es setzt sich durch ˜ ohne Gewalt,
619. es gebietet ˜ ohne Befehl,
620. es lockt ˜ doch drängt nicht auf,
621. es wirkt zielbewusst ˜ doch ohne Absicht.
622. Es ist ein Netz, weitmaschig zwar, doch nichts durchlassend.


74 - Vom Gericht über Leben und Tod
623. Wenn das Volk den Tod nicht fürchtet,
wer wollte es dann mit Todesfurcht regieren?
624. Fürchtet es den Tod,
und es wird dennoch ein abscheuliches Verbrechen begangen,
wer getraute sich dann zu tö-ten?
625. Es findet sich immer ein Gerichtsherr,
der Todesurteile fällt und vollstreckt.
626. Wer aber sich selbst zum Richter über Leben und Tod macht,
der gleicht einem, der,
an Stelle des Zimmermeisters die Axt benutzend,
sich nur zu leicht selbst in die Hand haut.


75 - Die Ursachen politischer Unruhen
627. Das Volk leidet,
wenn die Herrschenden es aussaugen,
daher seine Not.
628. Das Volk grollt,
wenn es die Herrschenden nicht in Ruhe lassen,
daher seine Widerspenstigkeit.
629. Das Volk wird gleichgültig gegenüber dem Tod,
wenn sich die Herrschenden
als Herren des Lebens aufspielen, daher der Lebensüberdruß.
630. Doch der ist weiser, der nicht am Leben hängt,
als der, der am Leben haftet.


76 - Die Wirkungskraft des Lebendigen
631. Weich und zart ist der Mensch bei seiner Geburt,
starr und knöchern, wenn er stirbt.
632. Fein und biegsam sind die Pflanzen, wenn sie entstehen,
hart und saftlos, wenn sie absterben.
633. Starr und hart ist, was dem Tod anheimfällt,
weich und zart ist, was vom Leben erfüllt ist.
634. Wer glaubt, nur durch Waffen stark sein zu können,
wird nicht siegen;
mächtig scheinende Bäume sind immer am Ende.
635. Daher gilt:
Was groß und mächtig scheint,
ist schon auf dem Weg zum Zerfall,
was aber unscheinbar, zart und weich ist, das wächst.


77 - Selbstloses Tun schafft echten Ausgleich
636. Des Himmels Wirken gleicht dem Spannen des Bogens:
es macht das Hohe niedrig und das Niedrige hoch;
es nimmt, wo zuviel ist, fügt hinzu, wo zu wenig ist.
637. Immer ist des Himmels Wirken so:
Er nimmt aus der Fülle und gibt sich der Leere.
638. Menschen handeln anders:
sie nehmen, wo schon wenig ist,
und fügen hinzu, wo schon viel ist.
639. Wer im Unergründlichen gründet,
schenkt der Gemeinschaft aus seiner Fülle.
640. Daher wirkt der Weyse,
ohne etwas für sich zu beanspruchen,
und ohne an seinem Werk zu haften.
641. Er will nichts seinn und nichts haben.


78 - Die Größe sittlich-religiöser Tragkraft
642. Es gibt in der Welt nichts,
was sich mehr seinem Grunde einfügt
und weicher ist als Wasser,
zugleich nichts,
was stärker ist und selbst das Härteste besiegt;
es ist unvergleichbar und unbezwingbar.
643. Daß das Schwache das Starke
und das Weiche das Harte besiegt,
weiß zwar jedermann, doch niemand lebt und wirkt darnech.
644. Nur der Weyse erkennt als wahr:
«Wer bei den Erdopfern den Staub des Landes auf sich nimmt,
der ist der Herr des Erdal-tars.
645. Wer des Reiches Schuld und Unglück auf sich nimmt,
der ist des Reiches Herr.»
646. Unangenehme Wahrheiten sind dies!


79 - Lebensgehorsam zeigt sich In Pflichterfüllung
647. Was hilft es, wenn großer Haß verschwunden ist,
kleiner aber bleibt?
648. Der Weyse kennt daher bei einem Vertrag nur seine Pflichten,
nie fordert er seinn Recht.
649. Wer seinem Innersten vertraut,
denkt nur an seine Verpflichtungen
und pocht nie auf sein Recht.
650. Die ewigen Mächte bevorzugen niemanden,
sie segnen aber stets den Besten.


80 - Vom Eigenrecht des kleinsten Staates
651. Ist ein Land auch klein und hat es nur wenige Bewohner,
was liegt darant
652. Und hätte es nur Ausrüstung für zehn bis hundert Mann,
die ihre Waffen nicht einmal benutzten,
man lasse seine Bewohner in Ruhe leben,
man lasse sie auf ihrer Scholle sitzen.
653. Und benützten sie ihre Schiffe und Streitwagen nicht
und würden sie nie ihre Waffen und Rüstungen gebrauchen,
man lasse sie ruhig zum Brauchtum ihrer Väter zurückkehren.
654. Sie sind zufrieden mit ihrer Nahrung,
freuen sich an ihrer Tracht,
finden ihre Behausung schön,
Sitte und Recht erscheinen ihnen in Ordnung.
655. Und wenn die Grenzen der Nachbargebiete so nahe wären,
daß Hahnenschrei und Hundegebell
von hüben und drüben gehört werden könnten,
man lasse sie fröhlich leben, zufrieden altern,
ruhig sterben, doch zwinge man sie nicht,
ihre Freiheit aufzugebenl


81 - Alles Wesentliche vollendet sich im Alltag
656. Wahre Worte schmeicheln nicht.
Schöne Worte überzeugen nicht.
657. Echte Menschen blenden nicht.
Blender sind nicht echt und wahr.
658. Weyse Menschen sind keine Vielwisser.
Vielwisser sind keine Weysen.
659. Wer den Weg der Vollendung geht, sammelt keine Schätze;
ihm ist Besitz, was er für andere tut;
660. je mehr er sich verschenkt, desto mehr wird ihm.
661. Wie aus dem Unergründlichen das Leben quillt,
ohne zu schaden,
so wirkt der Weyse, ohne zu verletzen.

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